Erste Väter-Gruppe Deutschlands ausgezeichnet

Verfasst von fkblog am 26. Mai 2011 um 8:54

Dass ein Väterverein durch das Bündnis für De­mo­kra­tie und To­­le­­ranz aus­ge­zeich­net wur­de, ist an sich schon ei­ne klei­­ne Sen­sa­tion. Sieht man al­ler­dings ge­nau­er hin, dann weiß man auch wa­rum: Ka­zim Er­do­gan setzt sich für die In­te­gra­tion tür­ki­scher Män­ner in das fe­mi­nis­ti­sche Sys­tem Deutsch­lands ein. Nun ist In­te­gra­tion per se nichts schlech­tes und die Aus­zeich­nung soll auch kei­nes­wegs die Ver­dien­ste von Ka­zim Er­do­gan schmä­lern, aber letzt­end­lich kann auch er nur das Chaos auf­fan­gen, dass der Fe­mi­nis­mus eben­so bei tür­kis­chen Mit­bür­ger hin­ter­lässt.

Die Botschafter für Demokratie und Toleranz 2011
Kazim Erdoğan lebt seit 35 Jahren in Deutschland und ist fast ebenso lan­ge ehren­amt­lich ak­tiv. Sein En­ga­ge­ment gilt vor al­lem dem Ber­li­ner Stadt­teil Neu­kölln, in dem er sich mit zahl­rei­chen Pro­jek­ten für In­te­gra­tion ein­setzt. Da­bei setzt der haupt­be­ruf­lich beim So­zial­dienst Neu­kölln be­schäf­tig­te Psy­ch­olo­ge vor al­lem auf die ver­bin­den­de Wir­kung der Kom­mu­ni­ka­tion. Er grün­de­te den Ver­ein “Auf­bruch Neu­kölln” und die Bür­ger­stif­tung Neu­kölln, mit de­nen er u.a. die er­ste tür­ki­sche Vä­ter-Grup­pe Deutsch­lands und die „Wo­che der Spra­che und des Le­sens“ ins Le­ben ge­ru­fen hat. Sei­ne Pro­jek­te ha­ben bun­des­weit Schu­le ge­macht [..] BMJ

Der Spiegel schrieb im übrigen über das Engagement von Ka­zim Er­do­gan fol­gendes:

Türkische Männer –  ”Ein Ehrenmann schlägt seine Frau nicht”
Der Psychologe Kazim Erdogan hat in Berlin die erste türkische Mä­nner­grup­pe ge­grün­det. Dort ler­nen Ma­chos, bes­se­re Vä­ter, Gat­ten und Freun­de zu wer­den. Im SPIE­GEL-ONLINE-In­ter­view spricht der 55-Jäh­ri­ge über die Last ar­ran­gier­ter Ehen, ge­kränk­ten Stolz und den Wan­del des Ehr­be­griffs. Spiegel Online

Ein weiteres Interview mit Kazim Erdoğan findet man noch auf Stern.de.

Abschied vom Pascha-Klischee
Bedarf ist da – die Männer öffnen sich

Für türkische Mädchen, für misshandelte Frauen und benachteiligte Kin­der, für al­le gab es An­lauf­stel­len – nur für die Vä­ter nicht. Wo­zu auch, sind sie doch schlag­kräf­tig, pa­triar­cha­lisch ver­an­lagt und ha­ben oh­ne­hin die Fä­den in der Hand. So weit das Vor­ur­teil. Stimmt aber nicht. “Fast al­le Män­ner ha­ben kon­kre­te Pro­ble­me mit der Kin­der­er­zie­hung, mit Tren­nung und Schei­dung”, sagt Er­do­gan. “Vie­le The­men gel­ten als Ta­bu, aber wenn zwei an­fan­gen zu re­den, kom­men die an­de­ren von selbst.” Stern.de

Das trifft zum großen Teil auch auf deutsche Männer zu. Bei der Suche nach Berichten über türkische Frauen und ihrem Anteil am Fa­mi­lien­ge­sche­hen fand ich ei­nen Ar­ti­kel mit in­te­res­san­ten Ein­sich­ten über tür­ki­sche bzw. ara­bi­sche Jun­­gen zum The­ma Bil­dung.

Mohamed aus dem WGvdL.com-Forum
[..]In einer Ideologie, die sich zur Aufgabe gemacht hat, das Pratriarchat zu eli­mi­nie­ren, wird es kei­ne Bil­dungs­ge­rech­tig­keit ge­ben, we­der für eu­re Jungs und schon gar nicht für tür­ki­sche oder ara­bi­sche Jun­gen. In den Bil­dungs­stät­ten fin­det der Krieg ge­gen das Pa­triar­chat statt, mit zu­neh­men­den Er­folg. Smash Pa­triar­chy! So lau­tet die Kampf­ansa­ge. Und die­se wird auch kon­se­quent und an der Wur­zel, den Schu­len, um­ge­setzt. WGvdL

Nun habe ich auch den gesuchten Artikel gefunden.

Der Mythos vom türkischen Macho
Wer hat die Macht in der türkischen Familie? Der Mann jedenfalls nicht. Die Kluft zwischen der Macht, die ihm zugeschrieben wird, und der real erlebten Ohnmacht ist groß. ZEIT ONLINE

Der Blog “Die Freie Welt” hat sich mit diesem Thema ebenfalls kritisch auseinander ge­setzt. Dr. Alex­an­der Ulfig hat sich zum ei­nen mit oben ver­link­tem Zeit­ar­ti­kel und zum an­de­ren mit dem Buch „Halb­mond­wahr­hei­ten. Tür­ki­sche Män­ner in Deutsch­land“ von Isa­bel­la Kroth be­schäf­tigt.

Dr. Alexander Ulfig
Die Psychotherapeutin Deniz Baspinar bestätigt in ihrem „Zeit“-Artikel „Der Mythos vom türkischen Macho“ die Beobachtungen von Isabella Kroth. In der Integrationsdebatte – und auch im Feminismus – sieht man meistens die Oberfläche. Die dahinter liegende psychosoziale Realität wird in der Regel ausgeblendet. So wird völlig unreflektiert und unkritisch die Vorstellung vom ungebrochenen Patriarchat in türkischen Familien verbreitet. Dabei werden Jungen und Männer immer als die Täter, Mädchen und Frauen immer als die Opfer dargestellt.

[..]„Viele türkische Frauen nutzen das traditionelle Männerbild für ihre Zwecke: Ihr Mann soll ihre Vorstellungen durchsetzen, die Familie versorgen, stark und unantastbar – ´männlich` – sein. Gleichzeitig aber wird der Mann in einer Kind-Position gehalten – von der eigenen Mutter und von der Partnerin. Es gibt Männer, die nicht entscheiden dürfen, was sie anziehen. Es gibt Männer, die niemals ihrer Mutter widersprechen würden. Es gibt Männer, die mit ihren Eltern zusammnleben und ihren ganzen Arbeitslohn aushändigen. Es gibt Männer, denen die Ehefrau eine Szene macht, wenn sie sich eigenhändig etwas in der Küche zu essen zubereiten. Und nicht zu vergessen: Zu jeder zwangsverheirateten Frau gehört ein zwangsverheirateter Mann.“ FreieWelt.net

Gegen Ende möchte ich noch auf eine Rezension von Alexander Ulfig zum Buch: Halb­mond­wahr­hei­ten. Tür­ki­sche Män­ner in Deutsch­land” auf der Home­page von MANN­dat e.V. hin­wei­sen.

Rezension von Alexander Ulfig
Sie werden als Gewalttäter, Machos, Paschas oder Patriarchen be­zeich­net, als Men­schen, die lern­un­fä­hig sind, an ih­ren tra­di­tio­nel­len Vor­stel­lun­gen haf­ten und sich in Deutsch­land nicht in­te­grie­ren möch­ten. In der ge­gen­wär­ti­gen In­te­gra­tions­de­bat­te wer­den sie als die Haupt­ver­ant­wort­li­chen für die In­te­gra­tions­pro­ble­me be­trach­tet. Die Re­de ist von den in Deutsch­land le­ben­den tür­ki­schen Män­nern. MANNdat

Dass auch türkische Väter Probleme mit dem Rechtsverständnis des deutschen Staa­tes ha­ben, ist spä­tes­tens seit dem in­ter­na­tio­na­len Fall Görgülü in der Vä­ter- und Män­ner­be­we­gung be­kannt.

Nach alledem kann man eigentlich nur sagen: in moslemischen Ehen läuft es an­schei­nend auch nicht bes­ser als in Ehen mit west­li­cher Prä­gung. Der gro­ße Un­ter­schied scheint mir le­dig­lich im Ehr­ge­fühl zu lie­gen.

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Eine Antwort zu “Erste Väter-Gruppe Deutschlands ausgezeichnet”

  1. Berliner sagt:

    Guter Artikel. Aber das hier stimmt nicht zwingend: “Und nicht zu vergessen: Zu jeder zwangsverheirateten Frau gehört ein zwangsverheirateter Mann.” (Alexander Ulfig) Das kann so sein, wenn für beide Kinder von den Eltern entschieden wird, muss aber nicht, da sich Männer auch solche Ehen für sich entscheiden können.

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