Sturm der Entrüstung – Ausgrenzung statt Diskussion

Nach der Aufforderung zur Legalisierung der leichten Mädchenbeschneidung durch den ägyptischen Gynä­ko­logen Professor Mohamed Kandeel, hat ein Sturm der Entrüstung eingesetzt. Dieser geht soweit, dass alle Seiten bei der Genfer Stiftung für Medizinische Ausbil­dung und Forschung, auf denen er gelistet war, ins Leere gehen, das gelbe Wirtschaftsforum hat darüber berichtet. Nun ist es amtlich: die Stiftung hat sich dazu entschlossen, Kan­deels Mitgliedschaft zu beenden, da er mit seiner Forderung Positionen vertrete, die den Einstellungen der Stiftungen klar zuwider laufen.

Statt einer Auseinandersetzung folgt nun die Ausgrenzung, denn prinzipiell hat Pro­fessor Kandeel recht, hier mein Bericht dazu. Er fordert im Grunde die Gleichbehand­lung, die doch gerade in der westlichen Welt so hoch gehalten und forciert wird. Er fordert die gleichen Fürsorgepflichten und -rechte für die Eltern von Mädchen. Man fragt sich unweigerlich, wieso werden Eltern von Mädchen kriminalisiert, von Jungen hingegen nicht?

Natürlich ist der Sturm der Entrüstung berechtigt, gerade und vor allen Dingen dann, wenn es um die barbarischen Akte der pharaonischen Beschneidungen geht. Jungen müssen aber in den Ländern, wo Mädchen brutale und grausamen Riten durchlaufen, das Gleiche durchmachen. Die ARD hat darüber im September einen Beitrag ge­bracht, den man lesen und auch per Video anschauen kann. In dem Artikel steht klar geschrieben: Immer wieder sterben junge Männer an nicht fachgerecht durchgeführ­ter Beschneidung. Wieso werden diese Tatsachen nicht erwähnt, wenn es um die Genitalverstümmelung von Mädchen geht und warum wird nicht einfach die weltweite Genitalverstümmelung an Kindern verurteilt?

Der Bundestag erörtert am 22. November den Gesetzentwurf in erster Lesung. Man kann nur hoffen, dass auch die Beschneidungsgegner zu Wort kommen, um die Rechte unschuldiger männlicher Babys und (kleinen) Jungen vorbringen zu können. Die Antidiskriminierungsstelle hat sich schon vor längerer Zeit klar positioniert.

Auf Facebook gibt es Gruppen gegen die Beschneidung von Mädchen und Frauen und Gruppen, die generell gegen Beschneidung von Kinder sind. Nachdem der Sturm der Entrüstung gegen die Aufforderung zur Legasierung der leichten Mädchenbe­schneidung nun eingesetzt hat, ist Sebastian Karkus auf Facebook der Hut geplatzt, weswegen er einen entsprechenden Beitrag geschrieben hat, den ich hier wiederge­be, da er in meinem Sinne ist.

Ich verließ die wenigen FGM-Gruppen, als vor einigen Monaten man als Mann diese unsäglichen Verbote der Vergleiche sich durchlesen musste. Kaum eine der FGM-Gruppen war in der Lage,die Taten völlig geschlechts­neutral zu sehen und sie argumentierten gebetsmühlenartig, wie die der­zeitigen Politiker: es sei ja etwas gaaanz anderes.

Nun habt ihr die Geister geweckt. Man hätte die Kräfte FÜR alle Kinder bündeln können und für den Schutz ALLER Säuglinge sein können. Konsequenterweise war es der (subjektiv empfundener) Mehrheit der FGM-Gruppenteilnehmer völlig schnuppe, weil am FEMALE-GM vorbei. Und nun? Die Geister, die gerufen wurden, sind angekommen. Möge sich jeder mal an die Nase packen und in die Kommentare (sofern überhaupt noch vorhanden, da sie meist von den Admins gelöscht wurden) schauen, dass wir Gegner der Beschneidung seinerzeit geschlechtsneutral waren, wobei es den FGM-Gruppen schon fast auf den Senkel ging, da es „nur das nutzlose Stückchen Haut“ betraf… Daher, als weiterhin nicht-mehr-Teilnehmer der FGM-Gruppen, eine Bitte an die verbohrten alten User: Alles, was den einen angetan wird, wird irgendwann auf die anderen umgemünzt.

In diesem Fall traf es die männlichen Säuglinge, für deren Schnippelei am Geschlecht nach der Gesetzesvorlage ja das Wunschaussehen nach Gusto der Eltern ausreicht (!krank!). Es war nicht anders zu erwarten, bis der erste mit der Forderung nach der Gleichstellung kommt und dies bei Mädchen verlangt.

Glückwunsch also an alle FGM-Aktivisten, die bislang tatenlos waren, da es sich um männliche Säuglinge handelte. Auf das Posting vor mir umge­münzt: Buben waren EUCH weniger wert als Mädchen. EUCH, nicht ir­gendwem in der Welt, sondern EUCH.

Viel Erfolg noch beim K(r)ampf gegen diese barbarischen Riten. Ihr seid ja schon weiter als wir, die keinen Unterschied bei den Geschlechtern machen. Wir müssen erst dort landen, dass Buben auch ein Recht auf körperliche Unversehrtheit haben. HIER in Deutschland. Wir brauchen nicht einmal in die fernen afrikanischen Länder zu schauen. Wir sehen das hier schon.

Arne Hoffmann hat einen Beitrag eingestellt, bei dem es einem nur noch schlecht werden kann.

Beschneidung verpfuscht: „Schneidet mir den Penis ab!“ fleht vierjähriger Junge

In Texas ist eine Genitalverstümmelung noch unglücklicher verlaufen, als es bei Prozeduren dieser Art ohnehin in der Natur der Sache liegt:[..]

Und wir danken einer Vielzahl unserer Politiker und Journalisten dafür, dass sie alles tun, um solchen Horror auch in Deutschland möglich zu machen: im Zeichen der Völkerverständigung und des Kampfs gegen den Antisemitismus, versteht sich. Lieber zahllose verstümmelte Jungenpenis­se mehr als dass Charlotte Knobloch ganz furchtbar traurig ist. In solchen Fällen, wo Leute extremes Leid Unschuldiger in Kauf nehmen, um sich selbst als moralisch besonders edel darzustellen, halte ich den Kampf­be­griff „Gutmenschen“ für absolut angebracht. Genderama

Hier noch ein Link zu der Seite Life Intact (englisch), bei der einem Jungen gedacht wird, weil sich dieser sich auf Grund seiner Penisverstümmelung das Leben genom­men hat.

Protest gegen Beschneidung
Kenianer tötet sich selbst

Verzweifelte Form des Protestes: Um sich gegen die Zwangsbeschnei­dung seiner zwölfjährigen Tochter zu wehren, hat sich ein kenianischer Familienvater das Leben genommen. Die Dorfältesten hatten das grausa­me Ritual gegen den Willen des Mannes verfügt.[..] Spiegel

Einigermaßen erstaunt war ich über einen Artikel auf Cicero von Irmingard Schewe-Gerigk, Vorsitzende von Terre des Femmes und ehemalige Grünen-Abgeordnete. Sie vertritt die Auffassung, dass die „leichte“ Beschneidung der Mädchen mit der Be­schneidung der Jungen vergleichbar sei und fordert deshalb gleiche Rechte für beide Geschlechter. Das hat mich in der Tat überrascht.

Zunächst aber zum Cicero Artikel.

Beschneidung
„Gleiche Rechte für Jungen und Mädchen!“
Interview mit Irmingard Schewe-Gerigk – 25. Juli 2012

Irmingard Schewe-Gerigk:[..]Laut einer Umfrage in Großbritannien ist ein Hindernis im Kampf gegen die Genitalverstümmelung von Frauen, das Unverständnis für die Ungleichbehandlung: Jungen dürfen straffrei be­schnitten werden, bei Mädchen aber ist die „mildeste Form“ verboten.

Welche Gründe gibt es für weibliche Genitalverstümmelung?

Die Verstümmelung wird als religiöse und gesellschaftliche Pflicht ange­se­hen und gilt als Voraussetzung für eine Heirat .

Aha… während in Deutschland die Knabenbeschneidung als religiöse Pflicht angese­hen wird, gilt das bei Frauen nicht. Woher nehmen sich Politiker das Recht zu ent­scheiden, was religiöse Pflichten sind und was nicht?

Irmingard Schewe-Gerigk: Ziel ist es, die Sexualität der Frau zu kontrollie­ren,[..]

Bei Jungen und Männern ist das nicht der Fall?

Welche Unterschiede sehen Sie dazu bei der Begründung der Beschnei­dung von Jungen im Judentum und Islam?

Irmingard Schewe-Gerigk: Im Judentum steht im Buch Mose, dass die Jungen am achten Tag beschnitten werden müssen. Diese Tradition ist 4.000 Jahre alt. Aber es gibt auch viele andere Dinge, die in heiligen Schriften standen und nicht mehr durchgeführt werden: So gibt es bei uns keine Witwenverbrennung mehr oder die Steinigung von Ehebrechern. In der UN-Kinderrechtskonvention hat Deutschland unterschrieben, dass alle schädlichen überlieferten Bräuche abzuschaffen sind. Mein Ansatz ist das Kindeswohl. Und ich bestreite, dass es zum Wohl des Kindes ist, zu beschneiden.[..] Cicero

Es ist ja fast schon zu schön, um wahr zu sein, dass auch die eine oder andere Feministin ab und zu das sogenannte Kindeswohl im Auge hat. Alles in allem also ein lesenswerter Beitrag. Gerade habe ich aber erfahren, dass der Facharbeitskreis Beschneidungsbetroffener im MOGiS e.V und Terre des Femmes zum Protest gegen die Legalisierung weiblicher Genitalverstümmelung aufgerufen haben.

Die Geister die man rief – TERRE DES FEMMES und MOGiS e.V. pro­testieren gegen Aufruf zur Legalisierung weiblicher Genitalverstümmelung

[..]Dazu Christian Bahls, 1. Vorsitzender des Vereins MOGiS e.V. – Eine Stimme für Betroffene: „TERRE DES FEMMES e.V. und MOGIS e.V. ver­urteilen ausdrücklich jedweden Versuch, die Verstümmelung weiblicher Genitalien zu legalisieren. Hierbei sind sowohl die Art der Ausführung, als auch Motivation, Ort und medizinische Infrastruktur sowie die Qualifikati­on des Ausführenden unerheblich. Nicht die Art und die Umstände, unter denen eine solche Operation erfolgt, sondern die Auswirkungen derselben für die Betroffenen sind der entscheidende Faktor für eine Bewertung. Dies meint nicht nur die direkten Komplikationen durch die Operation, sondern auch die möglichen körperlichen und seelischen Spätfolgen, die durch sie entstehen können.“[..] Facharbeitskreis MOGiS e.V.

Obwohl ich Christian Bahls für seine Arbeit sehr schätze, macht er – bezogen auf die Jungenbeschneidung – meiner Meinung nach einen strategischen Fehler. Die Auswirkungen der Beschneidung bei Männern werden ja erst durch diese Debatte bekannt. Es melden sich immer mehr Männer zu Wort, die nicht nur die Be­schnei­dung auf Grund der Qualen ablehnen, sondern auch wegen der teilweise verbundenen Nachteile beim Geschlechtsakt.

Des weiteren kommt aus meiner Sicht wieder das aufrechnen zum tragen, also welche Beschneidungen nun grausamer sind. Wiederum wird aus meiner Sicht die Beschneidung der Jungen in westlichen Ländern, die mit weniger Komplikationen verbunden sind, mit der Beschneidung der Mädchen in afrikanischen Ländern verglichen. Dabei wird immer wieder v e r g e s s e n, dass Jungen in Afrika mit allen möglichen und nicht sterilisierten Gegenständen beschnitten werden. Die Taktik der weltweit agierenden feministischen Institutionen und Verbände, die grausame Genitalverstümmelung bei Jungen in afrikanischen Ländern zu unterschlagen, wird bereits seit Jahren in der ganzen Welt verfolgt und hat damit enorme Erfolge erzielt.

Genitalverstümmelung bei Frauen
Ein gesetzlich sauber geregelter Missstand

Viele Frauengruppen bekämpfen die rituelle Verstümmelung weiblicher Genitalien, von der auch Tausende von Frauen in Deutschland betroffen sind. Sie legen dabei grossen Wert auf kulturell sensibles Vorgehen.

Schon bald wird Deutschland um ein Paradoxon reicher sein. Von zwei rituell praktizierten Verletzungen des kindlichen Körpers wird die eine gesetzlich erlaubt und die andere verboten sein.[..] Neue Zürcher Zeitung

WikiMANNia: Genitalverstümmelung · Genitalverstümmelung (Tabelle)

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1 Kommentare.

  1. Die Schizophrenie in der Argumentation ist unglaublich. Denn selbst dem Laien müsste auffallen, dass fast alle Argumente FÜR die männliche Beschneidung ebenso für die weibliche gelten (Hygiene, Tradition, stört nicht bei der Fortpflanzung etc).

    Ebenfalls dreist, ist es zu behaupten „Ja, männliche Vorhautbeschneidung hat Nachteile, tut weh und ist medizinisch nicht begründbar, aber da es etwas gaaaanz viel Schlimmeres gibt, bleibt es legalisiert“.

    Man kann sich nur noch an den Kopf fassen.

    http://bloganddiscussion.com/argumentevonfemastasen/1370/maennliche-beschneidung-vs-weibliche-beschneidung/

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