Rassismus oder doch eher Sexismus?

In der Taz gibt es einen Artikel zur Rassismus-Debatte „Schwarz ist keine Farbe“. Nachdem ich mir die Kommentare sowie den Beitrag nochmals durch gelesen hatte, begriff ich, dass es gar nicht um Rassismus ging, sondern um Sexismus – und zwar gegen Männer. Allerdings hat das weder die Autorin begriffen, noch die Leser in den Kommentaren. Der schwarze Mann, um den es in dem Beitrag geht, hat das im übrigen sehr wohl verstanden :mrgreen:

Zunächst einmal werden die positiven, weiblichen Attribute zur Abgrenzung hervor gehoben.

Zur Toleranz erzogen, obere Mittelschicht, Akademikerin, weltoffen, weiblich, weiß.

Dann kam die aus Sicht der Autorin alles entscheidende Frage.

Und irgendwo, tief im Innern, rassistisch?

Nicht rassistisch, sondern sexistisch.

Es war der 25. August 2009. Ein schwüler, drückender, verregneter Sommertag. Ich kam durchnässt nach Hause. Ich betrat unser Wohnzimmer, da saß er auf der Couch. Meine Mitbewohnerin feierte ihr bestandenes Diplom. Fast alle waren schon gegangen – außer ihm. Nichts sprang mir mehr ins Auge als seine Farbe: schwarz.

Das kann ich sogar noch nachvollziehen, zumindest im ersten Augenblick.

Als Kind habe ich gelernt, dass schwarz und weiß keine Farben sind. Ob das stimmt? Er war laut, lustig und charmant. Und für mich in erster Linie schwarz. Er sprach Englisch oder Französisch mit mir, das stand ihm gut. Als er mich das erste Mal in akzentfreiem Deutsch ansprach, fühlte sich das falsch an. Als ich erfuhr, dass er gar kein völlig freier Lebenskünstler und Musiker war, sondern nebenbei einen ganz normalen Bürojob hatte, passte das nicht in mein Bild eines Schwarzen in Berlin.

Nach dem lesen des letzten Satzes hatte ich eher den Eindruck, es geht gar nicht um Schwarze, sondern um Männer im allgemeinen. Hat er nicht den Status, den eine verzogene, zur oberen Mittelschicht Angehörige sich erträumt, dann scheint es mir eher egal, ob der Mann schwarz oder weiß ist. Das Problem: der Protagonist ist… der Mann an sich.

[..]Nach drei Wochen klopfte er abends an mein Fenster. Er war mit einem Freund vorbeigekommen und wollte kurz mit mir sprechen. Der Freund war ebenfalls schwarz. Ich erkannte Ivo nicht. Zwei schwarze Männer – meine Augen waren überfordert. Es waren meine Ohren, die mir sagten, in welchen der beiden ich mich gerade verliebte.

Sie sieht zwei Männer und da ist es egal, ob diese schwarz oder weiß sind, und kann die beiden nicht unterscheiden? Also hat sie sich in ihren Freund wahrscheinlich nicht verliebt, sondern vermutlich eher das Exotische in ihm gesehen – und das Wichtigste übersehen.

Nach einem halben Jahr fuhren wir nachts mit der Straßenbahn nach Hause. Es war zwischen Berlin-Friedrichshain und Prenzlauer Berg, als ich zum ersten Mal sein Gesicht sah. Es hatte keine Farbe mehr, ich sah nur ihn, seine Schönheit, seinen Charakter, sein Selbst. Das wühlte mich auf, ich begann, sein Gesicht zu berühren, seine Umrisse mit den Fingern nachzufahren; ich konnte nicht aufhören, diese Erkenntnis zu beschreiben und erfühlbar zu machen.

Ein halbes Jahr braucht sie, um das erste Mal sein Gesicht zu erkennen und um dann endlich festzustellen, dass da evtl. mehr ist?

Nein, Rassismus war es nicht. Über diese niedere Haltung war ich erhaben, die Allianz mit einem Schwarzen machte mich immun gegen diesen Vorwurf. Wie konnte ich denn rassistisch sein, wenn ich ihn in mein Leben, meine Seele, mein Herz ließ? Dass ich und ein Großteil meines bildungsbürgerlichen Umfeldes trotzdem eine von Xenophobie durchtränkte Grundhaltung an den Tag legen, die von einer zur Schau getragenen Political Correctness übertüncht wird, ist traurige Wahrheit.

Sie hat zu recht erkannt, Rassismus war es nicht. Dieser Mann war lediglich einer, der wahrscheinlich nicht ihrem Status entsprach.

[..]In meinen Kinderbüchern kamen dennoch unerklärt und unreflektiert zehn kleine „Negerlein„, der „Negerkönig„ oder unterwürfige „Buschmänner„ vor. Pippi Langstrumpf, die kleine Hexe, Tim und Struppi im Kongo.

Das wird es gewesen sein und jetzt versteht man auch, warum die Bücher verboten gehören 😉

Er richtete sich ein im Minderheitsdenken Nein, er wollte nicht deutsch sein. Er wählte Englisch als seine Sprache. Die Deutschen waren immer die anderen. Die schlecht gelaunten, die mürrischen, die kleinlichen. Er würde irgendwann zurück nach Afrika gehen und endlich das Leben leben, welches ihm hier verwehrt werde. Manchmal packte mich die Wut. Dann schrie ich ihn an, er sollte dann bitte seinen deutschen Pass abgeben. Dass er doch mal gucken solle, wie er einen Studienplatz in London bekommen hätte. Dass er sich nicht nur die Rosinen aus dem deutschen, weißen Kuchen picken dürfe.

Was hätte sie wohl einem deutschen, weißen Mann an den Kopf geworfen?

Er richtete sich wohlig ein in diesem Minderheitsdenken, stärkte seine schwarze Identität und wertete meine weiße ab. Als wir nicht mehr zusammen waren und über meine neue Beziehung – zu einem Weißen – sprachen, machte er sich darüber lustig. Kein „white guy“ könne jemals mit mir umgehen. Seine Selbstaufwertung funktionierte durch die Abwertung der Menschen, die ihn ausgrenzten.

Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man den letzten Absatz fast schon wieder lustig nennen. Der Mann hat – ob bewusst oder unbewusst – das richtige ausgesprochen und hier schließt sich der Kreis. Es geht, wie ich bereits sagte, nicht um Rassismus, sondern um Sexismus gegen Männer.

[..]Mit ihm wurde ich zur prototypischen Weißen, er zu meinem schwarzen Gegenpol. Ich begann, mich Alltagsrassismen und Stereotypen zu bedienen, um ihn zu verletzen. Bewusst setzte ich rassistische Äußerungen ein, um seine Toleranz zu testen. Unsere Beziehungsdramen wurden irgendwann zum Kampf zwischen den Kontinenten, Kolonialherrin gegen Sklave, Erste Welt gegen Dritte Welt. Das ging so weit, dass ich sogar das N-Wort benutzte.

Bei einem weißen Mann hätte sie keine rassistischen Äußerungen von sich gegeben, sondern sexistische.

[..]Ich hatte bewusst eine Grenze überschritten und guckte unsicher, ob ich mich diesmal ins Aus befördert hatte. Er lachte, die weißen Zähne leuchteten im Kontrast noch weißer. Genau wie meine Haut neben seiner. Bis zum Schluss ist er schwarz geblieben und ich weiß. Äußerlich und innerlich. Wir haben die Chance verpasst, eine gemeinsame Farbe zu finden. TAZ

Die Autorin sollte sich mMn nicht um gemeinsame Farben Gedanken machen, sondern um ihr Weltbild im allgemeinen und das der Männer im Besonderen.

Apropos Sexismus: Ich wurde gerade darauf aufmerksam gemacht, dass es bei der Taz einen weiteren Artikel gibt, der sich dieses mal tatsächlich dem Thema Sexismus widmet.

Sexismus in Neutrumland
Kolumnen von Anke Richter

Ihr kämpft gegen den Sexismus, ich kämpfe mit dem Sexy-Frust. Da debattiert ihr in Deutschland darüber, wer wem wie tief ins Dekolleté schauen darf. Die Sorgen hätte ich auch gern. Ich sitze nämlich am anderen Ende der Welt und hoffe, dass endlich, endlich, endlich mal jemand eine zweideutige Bemerkung macht, die mir ein wenig Röte ins Gesicht treibt, vom Unterleib ganz zu schweigen.[..] TAZ

Kommentar schreiben

4 Kommentare.

  1. Zitat: „Ich war insgesamt zweimal mit dunkler pigmentierten Partnern zusammen.“

    Na also, geht doch!

    Aber so ganz hat die sich selbst überhöhende weltoffene, weiße Akademiker_In aus dem oberen Mittelstand die PC doch nicht begriffen. Denn gleich danach ist der dunkler Pigmentierte wieder ein Schwarzer. Ist halt nicht so leicht, aufgedrängte Wertmasstäbe nach außen auch zu leben, wenn sie doch nicht die eigenen sind.

    Das zeigt sich auch an der Entrüstung über die Freundin. Alles, was im Gedächtnis geblieben, ist deren Frage nach dem großen Schwanz. Eieieieiei! Ertappt? Ein gelernter Psychoanalytiker hätte sicher noch viel mehr Freude an diesem Elaborat!

    Wäre sie wirklich so souverän, wie sie tutet, dann wäre ihr die Hautfarbe egal gewesen. Aber dann hätte sie halt nicht so einen oberschlauen Artikel schreiben können.

    Gruß adler

  2. Der Multikulturalismus muss beseitigt werden. Zudem gehören u. a. Erotikfilme verboten. Die Frauen sollen ihre Weiblichkeit bewahren; und die Männer ihre Männlichkeit. Es ist besser, antisexuell oder heterosexuell zu sein, als homosexuell. Mehr dazu auf meinem Blog (bitte auf meinen Nick klicken).

  3. Ein ganz starker und toller Artikel!

    Mein Dank an den FKblog

  4. Schöner Link: „Sexismus in Neutrumland“

    Da barmt die Zicke über die Neussies, denen ihre Tussen längst die Eier abgemacht haben- oder liegt es gar an ihr?? Pfeiffen im Walde:
    „…es liegt also nicht nur an meinem fortgeschrittenen Alter, und ich trage auch schon seit 30 Jahren keine lila Latzhosen mehr.“
    Muahaha!
    Großmutter, warum hast Du so große, hängende Ohren?

Kommentar schreiben


Hinweis - Du kannst dies benutzenHTML tags and attributes:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>