Der Mythos der Trümmerfrauen

Der folgende Beitrag ist ein Textmitschnitt aus der Sendung Land und Leute – Bayern 2 vom 10.5.2009, den Rainer aus dem WGvdL.com-Forum geschrieben hat. Von dem unsäglichen -innen im Text mal abgesehen, frage ich mich, warum diese Sendung überhaupt gemacht wurde? Gerade in feministischen Zeiten, wo Frauen ohne Ende gepampert werden, ist das für mich unverständlich. Deshalb bleibt nur eine Erklärung übrig: es kann einfach nicht sein, das rechte Organisationen das Thema Trümmerfrauen für sich vereinnahmt haben. Würde allerdings genauso akribisch bei anderen Frauen- bzw. Feminismusthemen recherchiert werden, sähe in der politischen Landschaft einiges anders aus.

Zupacken wie ein Mann
Marita Kraus untersucht den Mythos der Trümmerfrauen.

Fotos der Jahre 1945 und 1946, die längst Teil des kollektiven Gedächtnisses geworden sind, zeigen Frauen und zwar nur Frauen, die mit bloßen Händen Steine aus Trümmern holen, Mörtel von Ziegelsteinen klopfen, Ziegelhaufen aufschichten, mit Trümmerschutt gefüllte Loren schieben.

Die deutschen Frauen, so suggerieren diese Bilder, packen an. Sie beseitigen den Schutt, den der Krieg der Männer hinterlassen hat. Sie ziehen den Karren aus dem Dreck. Die Frauen waren es, heißt es, die allein und ohne professionelle Hilfe die Schutträumung schafften. Die Trümmerfrauen sind zum Symbol für den Aufbauwillen und die Überlebenskraft der Deutschen in der Nachkriegszeit geworden. Ohne ihre Schwerstarbeit wären die deutschen Städte lange Zeit Schutthalden geblieben. Ohne ihre unermüdliche Tätigkeit das Überleben der Familie nicht gesichert gewesen. So steht es auf der Internet Plattform des deutschen historischen Museums Berlin.

Ähnlich formulieren es die Onlineredaktionen großer Fernsehsender oder Zeitungen, und das betonen auch Fraueninitiativen. Über die Trümmerfrauen, so scheint es, gibt es keinen Dissens. Von den Trümmermännern wird selten gesprochen. Es ist auch nicht von den Baufirmen die Rede, die Abriss- und Wiederaufbau mithilfe professio­neller, meistens männlicher Bauarbeiter bewältigten. Unerwähnt bleiben ebenso die alliierten Besatzer, die mit schwerem Gerät logistische Unterstützung, Manpauer und Unmengen von Material halfen. Nein, es waren die deutschen Frauen. Die rechts­nationale Internetseite www.truemmerfrauen.de stellt ihre Ehrenrettung für die deut­schen Trümmerfrauen unter das Motto: „Andere zerstörten unser Heimatland, sie bauten es auf mit bloßer Hand“. In einem, nur auf den ersten Blick harmlosen Intro heißt es:
„8. Mai 1945, Deutschland, eine einzige Trümmerwüste. 500 Millionen Kubikmeter Schutt und Asche. Experten berechnen, dass es mindestens 30 Jahre dauern wird, bis die Trümmer beiseite geräumt sind. Die Experten, haben sich gründlich geirrt, weil sie nicht mit den Frauen unseres Landes gerechnet haben. Schon am ersten Tag nach dem Krieg beginnen Sie mit der Arbeit. In einer beispiellosen Energie­leistung vollbringen sie, was niemand für möglich hält. Als ihre Männer und Söhne aus der Kriegsgefangenschaft heimkehren, haben sie unser Land bereits gründlich aufgeräumt. Der Wiederaufbau beginnt und die Welt staunt. Als Trümmerfrauen setzten sie sich und allen Frauen unseres Landes ein Denkmal“.

Die deutschen Frauen, so scheint es, veranstalteten nach 1945 in den Ruinen ein Großreinemachen. Wer die Bilder der Ruinenstädte kennt weiß, das dass nicht ausgereicht haben kann. Es waren mehrstöckige Häuser einzureißen, von denen nur noch eine Seite stand. Meterhohe Mauern zu stützen oder zu sprengen, enorme Schuttberge von Straßen und Plätzen zu räumen. Kirchen mithilfe komplizierter Konstruktionen zu sichern. Alles durch die deutschen Hausfrauen? Mit bloßen Händen?

Das Umfeld der hier gepflegten Trümmerfrauenideologie lässt sich schnell erkennen. Die Trümmerfrauenwebseite ist eindeutig nationalistisch, wenn nicht nationalsozia­listisch verlinkt. Man kann sich informieren über Runenkunde, über einen Schutz­bund für das deutsche Volk, einen Bund die heimattreue deutsche Jugend, oder die Gemeinschaft deutscher Frauen. Diese stellt sich so vor:
„Wir, das sind Mädels, Frauen und Mütter die aktiv an einer nationalen Gemeinschaft teilhaben, diese Gestalten und erleben. Wir wollen gemeinsam alte Werte und altes Wissen erarbeiten und vermitteln und dabei Neues gestalten. Wir wissen wie wichtig die Stellung der Frau im Schicksalslauf unseres Volkes ist. Wir brauchen nicht jede, aber vielleicht gerade dich. Wir erwarten von unseren Frauen Disziplin, Ehrlichkeit, Offenheit, aktive Mitarbeit, Kameradschaft und eine nationale Gesinnung“.

Bei Trümmerfrauen denkt man an das Ende des zweiten Weltkrieges und landet schnell bei den Ideologien, mit denen er begann. Die Einstimmigkeit zum Thema Trüm­merfrauen ist also doch überraschend und keineswegs selbstverständlich. Die Trümmerfrauen sind längst ein Mythos, daher die vor dem Hintergrund von soviel Kon­sens fast ketzerische Frage:

Gab es denn diese Trümmerfrauen überhaupt? Die, zur Arbeit für geringen Stundenlohn dienst verpflichtet, öffent­liche Straßen und Plätze von Trümmern und Schutt befreiten, diesen auf Loren luden und abtransportierten? Alles im Dienste der Gemeinschaft?

Antonia Rasch, geborene Gassner, Jahrgang 1930 aus Haunstetten bei Augsburg. Dem Wiederaufbau des Elternhauses galt unser ganzer Ehrgeiz. Als mein Bruder am 22. Juli 1945 aus der amerikanischen Gefangenschaft nach Augsburg kam, haben wir beide sofort beschlossen, so jetzt bauen wir das Haus wieder auf. Zuerst muss­ten wir Unmassen von Schutt aus dem Trümmerhaufen räumen. Mit Bruckenwagen haben wir den Schutt abtransportiert und in Bombentrichter am Platanenweg gewor­fen. Meine Aufgabe war es, die noch brauchbaren Ziegelsteine mit einem Hammer vom Mörtel zu befreien. Die Steine mussten picobello sauber sein, sonst hielt der neue Mörtel nicht an den Ziegeln und die ganze Arbeit war umsonst. Ich weiß nicht mehr wie lange ich Steine klopfte. In meiner Erinnerung kommt mir die Zeit wie eine Ewigkeit vor. Es war eine Sträflingsarbeit.

Elisabeth Wiedmann, 1945 Mutter einer dreijährigen Tochter, ebenfalls aus Haun­stetten. Mit dem Aufbau ging es nur zögerlich voran. Mein Mann hatte gleich eine Stelle als Maurer wieder angenommen. Wir brauchten ja Geld und Arbeit für Maurer gab es in jener Zeit genug. Er konnte also nur in seiner knappen Freizeit an dem Haus arbeiten. Ich kümmerte mich damals in erster Linie um unsere Tochter und die Versorgung der Familie. Die schwere Arbeit auf dem Bau konnte ich ja nicht verrich­ten. Steine klopfen und Nägel gerade biegen gehörte jedoch zu meinen Aufgaben. Auch rührte ich schon mal den Mörtel an bis mein Mann von der Arbeit heimkam, so dass er gleich loslegen konnte.

Ein Mädchen säubert zusammen mit männlichen Helfern Ziegel aus dem zerstörten Elternhaus. Ihr Bruder übernimmt mit professionellen Maurern die Bauarbeiten. Eine junge Mutter klopft Steine, biegt Nägel gerade, rührt Mörtel an.

Trümmerfrauen? Das Bild bleibt diffus. Frauen die in den Trümmern arbeiteten, die für den privaten Wiederaufbau Steine klopften. Die als „Trümmerspechte“ aus den Trüm­mern Brennholz zogen. Solche Frauen gab es viele. Doch immer arbeiteten Frauen und Männer gemeinsam in den Ruinen der Städte. Für Schwerarbeiten wurden nor­malerweise Männer eingesetzt. Echte Trümmerfrauen und Trümmermänner in enge­rem Sinn werkten jedoch in Westberlin. Hier mussten sich Frauen wie Männer ab dem 1. Juni 1945 beim Arbeitsamt melden, sie wurden registriert und als Hilfsar­bei­terinnen und Hilfsarbeiter im Baugewerbe dienst verpflichtet. Sie standen damit in einem Arbeitsverhältnis mit festen Arbeitszeiten, verdienten 60 oder 70 Pfennige pro Stunde und erhielten bei der Lebensmittelzuteilung Schwerarbeiterzulagen. Es werden für Berlin zahlen zwischen 30.000 und 60.000 Trümmerfrauen aufgeführt. Für den Juli 1946 nennt eine offizielle Statistik rund 41.000 weibliche und etwa 37.000 männliche Hilfskräfte.

In Berlin gab es also Trümmerfrauen. Doch auch hier arbeiteten nicht die Frauen allein. Bei der Räumung halfen die Besatzer oft von Anfang an mit schwerem Gerät, mit Lastwagen und Personal. Das war eine Frage der öffentlichen Sicherheit. Be­stand doch ein hohes Risiko, das Menschen, und zwar auch Besatzungsangehörige ums Leben kamen. So wurde der Münchner Stadtkommandant Walter Kurz, der sich sehr für den Erhalt des Siegestores eingesetzt hatte, von einem Trümmerbrocken erschlagen, der just von dort herunter fiel.

In Würzburg wurden im Juli 1945 amerikanische Bulldozer eingesetzt, um Schutt vor dem Eingang zu Kabelschächten wegzuräumen und der emigrierte deutsche Schriftsteller Stefan Heym, im Sommer 1945 als amerikanischer Presseoffizier in München, schrieb: Die Schellingstraße in München, wo sich mein Hauptquartier eine Zeit lang befand, war ziemlich von Bomben verwüstet. Der Schutt wurde auf Kippwagen geladen, zum Teil von wenig arbeitsbegeisterten, ungarischen Kriegsgefangenen, bewacht von einem einsamen amerikanischen Wachposten. Ich sprach mit diesen Posten. Wissen sie, sagte er, die Schwierigkeit ist, das wir nicht genug Züge haben. Eine Lokomotive fehlt immer, weil sie repariert werden muss. Sonst hätten wir diese Straße längst in Ordnung. Aber im Großen und Ganzen machen wir hier schon gute Arbeit. Die Moral der Geschichte liegt in dem kleinen Wort wir. Was wir auch in Deutschland tun und die Aufräumungsarbeiten in der Schellingstraße sind nur eine kleine Gefälligkeit unter 1000 größeren, könnte unter der Überschrift „Militärische Notwendigkeit“ laufen. Aber keiner kann bestimmen, wo die Grenze dieser Notwendigkeit liegt. In dem wir Deutschland besetzten, entschieden wir uns mitten unter den Deutschen zu leben und ihre Angelegenheiten wurden logischerweise zu unseren.

Die Teilname beschränkte sich nicht auf die Trümmerräumung im engeren Sinne. In Würzburg war es der amerikanische Kulturoffizier und Kunsthistoriker Lieutenant Skelten, der die berühmten Tiepolo Fresken der Residenz rettete. Sie hatten den Bombenangriff überstanden, drohten aber nun durch Nässe zerstört zu werden. Er schaffte es das nötige Material zu besorgen und die Fresken wenigstens notdürftig zu sichern.

Am 15. April 1945 ließ der von den amerikanischen Besatzern eingesetzte Würzbur­ger Oberbürgermeister Gustav Pinkenburg Zettel über seiner Stadt abwerfen: „Für sämtliche Männer und berufstätigen Frauen von 15 bis 65 Jahren, sofern sie Kriegs­dienst geleistet haben, gilt Arbeitsdienstpflicht. Arbeitszeit, auch Sonntags, 7:30 bis 12:00 Uhr und 13:00 Uhr bis 17:30 Uhr. Geeignetes Handwerkszeug ist mitzu­brin­gen“. Würzburg war die am stärksten zerstörte bayrische Stadt. Sie war von den Bombenangriff des 16. März 1945 zu 85% in Schutt und Asche gelegt worden, Der Aufruf des Oberbürgermeisters, der eigentlich eine Dienstverpflichtung enthielt, erbrachte: als kümmerliches Ergebnis einige Dutzend Fäuste und 67 Schaufeln. Eingesetzt wurden deutsche oder ungarische Kriegsgefangene, oder aufgrund ihrer NS-Parteizugehörigkeit in Lagern internierte. Auch die Deutschen hatten zum Trümmerräumen nach Bombenangriffen neben den Reichsarbeitsdienst vor allem alliierte Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter herangezogen und nun machten das die neuen Herren genauso. Die Verantwortlichen waren der Meinung, die National­sozialisten sollten aufräumen, was sie angerichtet hatten.

In dem amerikanischen Wochenbericht für den Regierungsbezirk Schwaben heißt es im November 1945, die Reparaturarbeiten an der Reichsautobahn schreiten voran. Wir beschäftigen dafür SS-Männer. Für den Bau von Lechbrücken wurden 60 Gefan­gene herangezogen.

In Nürberng waren im Juli 300 Kriegsgefangene unter amerikanischer Aufsicht mit der Straßenräumung beschäftigt. In einer Großaktion wurden am 26. Juli sogar 10.000 Kriegsgefangene, 100 amerikanische Armeelastwagen und vier Bagger dafür einge­setzt. Das Arbeitsamts sollte überdies Personen, die aus politischen Gründen entlas­sen worden waren, sofort zur Arbeit heranziehen. Ebenso bereits entlassene Kriegs­gefangene. Aus dieser Gruppe, so die Besatzer, seien die Arbeiter für öffentliche Versorgung und Straßenreparaturen zu nehmen.

Die anstrengendste und unbeliebteste Arbeit soll den bestätigten Nazis und Militaris­ten gegeben werden, ehemalige Wehrmachtoffiziere eingeschlossen. NS belastete Frauen und Mädchen waren dabei mit zu erfassen. Hätten sie doch, so eine Münch­ner Stadträtin, während der vergangenen Jahre Zeit gehabt, herum zu laufen und Geld einzusammeln. Sie müssen heute auch in der Lage sein, hier mitzuarbeiten. Den ehemaligen Nationalsozialisten wurde mit dem Entzug der Lebensmittelzutei­lung gedroht, sollten Sie sich weigern zu räumen. Der Aufforderung kamen in Mün­chen 1330 Männer und 102 Frauen nach. Die Spruchkammern verurteilten auch in den folgenden Jahren zum Beispiel ehemalige Gestapoangehörige zu einigen 100 Stunden Aufbauarbeit.

Wie kam es zum Bild der alleinräumenden Frauen? Bereits in der NS Zeit entstand die fotografische Inszenierung der Trümmerfrauen. Es sind bei Ullstein NS Propa­gandabilder des Fotografen Hugo Schmidt-Luchs über­lie­fert, der 1944 in Hamburg offenbar Schau­spiele­rinnen zu einem Trümmerfrauen Fotoshooting zusammengeholt hatte. Sie stehen bei strahlenden Sonnenschein, hübsch, jung und lachend mit Röcken, ungeeignetem Schuhwerk und natürlich ohne Hand­schuhe auf Ziegelhaufen und geben sich in der Kette Ziegelsteine weiter. „Gemeinsam sind die Schwachen stark“, signalisieren diese Bilder. Ob die Fotos noch im Rahmen der NS Propaganda Verwendung fanden, ist nicht überliefert. Sie sind jedenfalls der Prototyp der Trümmerfrauenfotos, wie sie heute noch heute in Schulbüchern zu finden sind.

Das Trümmerfrauenfotos inszeniert wurden und keineswegs immer das abbilden, was man sich heute unter tapferen, unbelasteten Trümmerräumerinnen vorstellt, zeigt ein Nachkriegsfoto aus München. Lachende jungen Trümmerfrauen stehen auf einem schmalen Sims, von dem aus es offenbar tief nach unten geht. Sie geben sich Steine weiter, ein Stein wurde gerade geworfen. Sie tragen keine Handschuhe. Ein wichtiges Detail der meisten Trümmerfrauenfotos. Das Bild ist bei Ullstein sehr all­ge­mein mit Frauen und Männer bei der Enttrümmerung einer Ruine um 1945 gekenn­zeichnet. Im Internet findet sich das Foto als „Trümmerfrauen in Würzburg 1945“. In einer Publikation des Münchner Stadtarchivs ist das Foto mit der Beschriftung „Trümmerfrauen am Färbergraben Mai 1946“ zu finden. In einem bayerischen Schulbuch ist es in einem Viererensamble abgebildet, zusammen mit Fotos von deutschen Soldaten auf dem Weg in die Kriegsgefangenschaft, Kindern die in Ruinen spielen und einem Bild mit Menschen die auf dem Trittbrett eines überfüllten Zuges mitfahren. Der Titel „Trümmerfrauen in München“.

Das Foto wurde für die Agentur bayerisches Pressebild, vermutlich von Wolf Pelikan aufgenommen. In der Originalbeschriftung der Kontaktabzüge steht „PG-Frauen arbei­ten am Färbergraben“. Es handelt sich also um einen Schutträumeinsatz ehemaliger NS Parteigenossinnen, keineswegs um Trümmerfrauen, die vom Arbeitsamt dazu angestellt oder die zu einer Räumaktion von Nachbarschaften oder einer Firma aufge­rufen wurden.

Diese Aktion fand offenbar größere Beachtung. Im Münchner Stadtmuseum liegt ein Bild aus dem Nachlass des Münchner Nachkriegsfotografen W.B. France, das die Aufschrift trägt „Zusammenarbeit beim Schutt räumen im Färbergraben“. Zumindest eine Frau auf diesem Bild, die sehr auffällig eine karierte Bluse und grobe Hosen mit Hosenträgern trägt, ist auch auf dem Foto der Agentur zu sehen. Sie steht zusam­men mit einer weiteren Frau und vier Männern in einer Kette beim Ziegelräumen. Es waren also männliche und weibliche Parteigenossen an dieser Räumaktion beteiligt. Der Agenturfotograf hatte für sein Bild offenbar alle an dieser Räumaktion beteiligten Frauen zusammengeholt und dekorativ als Trümmerfrauen Gruppe positioniert.

Es gibt noch weitere Kontinuitäten. Bereits während der NS Zeit wurden Frauen, Schülerinnen und Schüler oder Angestellte von Betrieben im Rahmen des so genannten Ehrendienstes am Wochenende zur freiwilligen Trümmerräumung aufgerufen. Dieser typische NS-Begriff ‚Ehrendienst‘, taucht dann wieder Anfang 1946 in Würzburg auf. Frauen und Männer wurden unter dieser Bezeichnung zu einer gewissen Zahl von Tagen Trümmerräumung verpflichtet. Auch in anderen Städten, so in Kassel, musste jede Frau acht Tage im Jahr Trümmerräumen. Hinzukamen bald nach Kriegsende weitere Aufrufe zu freiwilligen Räumaktionen. Hausgemeinschaften und damit männliche und weibliche Mieter oder Eigentümer, wurden über die Zeitung aufgefordert, vor den Häusern liegenden Schutt aufzuräumen und mit Handwagen zu Schuttabladeplätzen zu fahren. Wer nicht mitmachte, bekam kein Baumaterial für Reparaturen. Da sich dennoch nicht genügend Freiwillige fanden, wurden vielfach Firmen aufgerufen, mit ihren männlichen Personal freiwillige Trümmerräumungen in und um ihre Betriebe vorzunehmen. Auch Baugenossenschaften, Aktionsgruppen oder Nachbarschaften taten sich an freien Tagen zu Räumaktionen zusammen. Bei solchen Aktionen war der Frauenanteil hoch. Studenten und Studentinnen mussten in den zerstörten Universitäten Trümmer räumen, wenn sie zugelassen werden wollten. Es räumten dabei immer Männer und Frauen zusammen. Von gesonderten Frauenräumkommandos ist nichts bekannt.

Freiwillige Trümmerräumaktionen gab es im Westen noch bis Ende der 40er Jahre. Mit seiner Ramadama Aktion wurde der spätere Münchner SPD Oberbürger­meister Thomas Wimmer 1949, mit dem Spaten in der Hand auf dem Münchner Marienplatz, zur Identifika­tionsfigur. Der Ertrag dieser populären Räumaktionen, die in München und Bayern auch zum festen Bestand­teil der Trümmererinnerung gehört, war jedoch mager. Die ungefähr 7000 Teilnehmenden räumten durch Handladung 6450m³. Die tägliche Menge der normalen Schutträumung betrug im Oktober 1949 in München jedoch 8278m³. Der zuständige Stadtbaurat sah als eines der wichtigsten Ergebnisse der Aktion an, dass sich so die gesamte Bevölkerung doch wenigstens mal mit dem Problem der Trümmerräumung befasst hat.

Es war eine symbolische Aktion der Solidarität und eines sich neu entwickelnden Bürgersinns. Diesen zu fördern war das Anliegen der Politik. Im Mai 1952 verlieh Bundespräsidenten Theodor Heuss 32 Trümmerfrauen und 17 männlichen Trüm­merarbeitern das Bundesverdienstkreuz am Bande.

In der sowjetischen Besatzungszone und der DDR koordinierte seit 1951 das nationa­le Aufbauwerk die Arbeiten. Frauen und Männer, die mehrere 100 Aufbauschichten als Aufbauhelfer nachweisen konnten, wurden mit dem Titel Aktivist der ersten Stun­de ausgezeichnet. Bilder aus dem zerstörten Dresden zeigen Frauen, die schwere Loren schieben und Ketten bilden, um Ziegelsteine aus Ruinen zu befördern. Diese Frauen tragen im Gegensatz zu den westdeutschen Trümmerfrauen meist geeigne­tere Arbeitskleidung mit dicken Pullovern, groben Hosen, festen Schürzen und Hand­schuhen. Noch 1953 ließ sich der Ministerpräsident Otto Grotewohl zusammen mit seiner Frau bei einer Aufbauschicht zusammen mit weiteren Trümmerfrauen bei der Trümmerräumung fotografieren. Grotewohl machte sich also dem Trümmerfrauenmy­thos zu eigen, um sich medienwirksam in die Arbeiterschaft einzureihen.

Die Ikonographie des Anpackens bei der Trümmerräumung hatte längst für Politiker in Ost und West Kultstatus bekommen. Sie stand auch im Osten für symbolische Solidarität und praktisches Ärmelaufkrempeln zur Beseitigung des Nachkriegs­elends.

Warum aber wurde die Rolle der Frauen bei der Trümmerräumung so betont? Warum verschwanden vor allem die räumenden Männer aus den Trümmerfotos?

Ein Blick in die Frauenzeitschriften dieser Jahre mit den sprechenden Namen „Der Regenbogen“ und „Der Silberstreifen“ zeigt, viele Frauen sahen sich selbst in der Rolle, die ihnen dann nachträglich zugewiesen wurde. So heißt es in einer Leserzuschrift des Jahres 1946: „Wenn man der der Frau auch jetzt die Schippe in die Hand drückt, weil es um den Aufbau von Heimat, Existenz und Familie geht, wird sie mitarbeiten, in der Hoffnung dass diese Prüfungszeit Befreiung von überholten Vorurteilen bringen wird“. Und ein Heft früher: „Sie kann durch ihr ausgleichendes Wesen, ihren gesunden Menschenverstand und ihr Bewusstsein für Verantwortung viel dazu beitragen, das Volk aus der Verelendung, die Jugend aus der erschütternd anwachsenden Verwahrlosung herauszuführen und ihnen wieder den Weg der Anständigkeit und Gerechtigkeit, Wahrheit und praktischen Nächstenliebe weisen“. Frauen, so suggerieren diese Texte, waren nicht an der Verwahrlosung während der NS Zeit beteiligt. Sie sind anständig und gerecht geblieben und bieten sich daher als Wegweiserrinnen in die Nachkriegszeit an. Damit wird die aktive Rolle der Frauen in der NS Zeit geleugnet.

Frauen nehmen eine Rolle an, die ihnen von Nachkriegsrichtern und auch von der Nachkriegsöffentlichkeit vielfach angeboten wurde. Da Frauen qua Geschlecht keine Verantwortung tragen konnten, so die Argumentation, waren sie auch nicht für verantwortliches Tun zur Rechenschaft zu ziehen. Dies stimmte keineswegs, waren doch Frauen sehr wohl aktiv in die Politik und die Aktionen des Nationalsozialismus eingebunden.

Als die neue Frauenbewegung der siebziger Jahre dann auf die Suche nach den Frauen in der Geschichte ging, war es naheliegend, den eigenen Müttern ein Denkmal zu setzen. In den Blick kamen damit die starken Frauen der Nachkriegszeit, die in einer vaterlosen Gesellschaft die Kinder alleine groß zogen, für Essen und das alltägliche Überleben sorgten.

Da diese Alltagsarbeit tatsächlich das millionenfache Schicksal der Nachkriegs­frauen nicht spektakulär genug schien, trat die Trümmerfrau im engeren Sinne in den Mittelpunkt, die mit schwerer Arbeit den Karren aus dem Dreck zog und wie ein Mann anpackte.

Bereits in den 50er Jahren wurden etliche Trümmerfrauendenkmäler errichtet. Vor dem roten Rathaus in Ost-Berlin stehen seit 1958 zwei Bronzestatuen: Die Aufbauhelferin und der Aufbauhelfer. Auch in den folgenden Jahrzehnten waren Initiativen für solche Denkmäler erfolgreich. Ob in Leipzig, in Berlin, in Mannheim oder in Hamm, das Thema der unbekannten Frauen, die Trümmerräumung und Wiederaufbau bewältigten, fand immer wieder engagierte Streiterinnen und Streiter. In München verhinderte Oberbürgermeister Christian Ude 2008 die Errichtung eines solchen Denkmals. Den Begriff der Trümmerfrauen habe es in München nie gegeben. Für Trümmerbeseitigung seien hier vor allem Nationalsozialisten herangezogen worden. Damit wurden Ude zum Buhmann auf rechtsnationalen Internetforen.

Von der jungen Frau in Hosen und mit Spaten, wie sie z.B. die Aufbauhelferin in Ostberlin oder die Trümmerfrau in Dresden verkörpert, lassen sich viele Bögen zu den inszenierten Fotos schlagen. Ein Mythos hat sich verselbständigt.

Wenn sich nun zunehmend das rechtsnationale Spektrum dieses Mythos bemäch­tigt, so zeigt dies, wie sehr die Trümmerfrauen zum Sinnbild für die deutsche Wiedergeburt aus eigener Kraft geworden sind. In einem Interview in der rechts nationalen Jungen Freiheit zum 17. Juni 2008 sagte Professor Wilhelm Hankel, inzwischen gerne gesehener Gast im rechten Spektrum, unter der Überschrift „Sie retteten Deutschland“, „Die Trümmerfrauen haben Deutschland als existenzielles Kontinuum gerettet. Viel wichtiger noch als diese reale Bedeutung, ist ihre symbolische. Am Tag der Kapitulation waren viele Deutsche von einem ‚fines germanie Gefühl‘ erfüllt. Die Welt stand still, die Geschichte schien ausgelöscht. Die totale Niederlage der Stunde Null nahm vielen jede Zuversicht. Doch dann hörte man plötzlich überall dieses leise hämmern und klopfen, sah das unauffällige, aber geschäftige Treiben zwischen den Trümmern. Der Geist, den die Trümmerfrauen verkörperten war, weiterleben statt Aufgeben, Anpacken statt Wehklagen, Aufbauen statt abfinden“.

Und die rechts nationale Trümmerfrauen Info betont, nicht ohne Schwäche in der deutschen Grammatik, „Wir gedenken damit denen, welche mit bloßen Händen unter Blut, Schweiß und Tränen unser Vaterland, eines jeden Deutschen Heimat, neu aufgebaut haben“.

Die Trümmerfrauenbilder des NS Propagandafotografen Schmidt-Luchs von 1944, zeigen die inszenierten Anfänge einer historischen Fiktion, die uns längst selbstverständlich geworden ist. Der Trümmerfrauenmythos bedient Hoffnungen und schafft Kontinuitätslinien, die weit in die NS Zeit zurückreichen.

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5 Kommentare.

  1. Eine etwas umrühmlichere Rolle der Frauen im Dritten Reich:

    http://www.youtube.com/watch?v=XLZVs4THaRs&feature=related

  2. dieter göbler

    Fragt doch die wenigen , die noch leben!! schrieb am 03.11.2014 13:04 Uhr:
    Leider ist es immer so:
    Wenn eine Generation fast ausgestorben ist, werden ihnen Würde und Anerkennung genommen!
    Genau so ist es mit den „Trümmerfrauen“!
    Ich habe es noch erlebt wie die Frauen Steine gekloppt haben und auch wir Kinder haben dabei geholfen.
    Natürlich spielten auch Überlebungskämpfe eine Rolle , für saubere Steine wurden Pfennigbeträge oder Essen „bezahlt“!
    Die Frauen haben ihre Wohnungen hergerichtet, Dächer gedeckt und gemauert!
    Firmen waren genau so zerstört wie viele Häuser. Erst später als die Männer aus Gefangenschaft oder Kriegswirren zurückfanden, wurde die „Männerherrschaft “ wieder hergestellt.
    Und die Taten der Frauen wurden etwas niedriger gehängt!
    Leider fallen einige Nachgeborene wie Frau Leonie Treber auf diese Männerbetrachtung herein!
    Die Trümmerfrauen waren kein Mythos – sie hat es wirklich gegeben!
    Meine Frau und ich sind Zeitzeugen – noch leben wir um unsern Mund aufzumachen und den falschen Propheten zu sagen!
    Nehmt den Trümmerfrauen nicht ihre Würde!
    Dieter und Brigitte Göbler aus Essen

  3. Liebe Eheleute Göbler,

    es ging mir in diesem Artikel nicht darum, die Arbeit der Frauen in der Nachkriegszeit herab zu setzen, denn natürlich haben viele von ihnen reichlich gearbeitet, es blieb ihnen ja auch gar nichts anderes übrig. Zum einen gab es zusätzliche Essensrationen, was den Kindern, die zum großen Teil kurz nach Kriegsende ohne Väter waren, zugute kam. Zum anderen muss man sich doch fragen: was hätten sie denn sonst tun sollen? Däumchen drehen, bis ihre Männer evtl. wieder nach Hause kommen? Gerade in den Großstädten hatten die meisten doch zunächst einmal kein Dach über dem Kopf und dann ist doch klar, dass man alles tut, um diesen Zustand zu ändern.

    In meinem Blog geht es im übrigen hauptsächlich darum, nicht nur o.g. Mythos, sondern weitere Mythen über Frauen zu entlarven. Mittlerweile sind wir soweit, das die Arbeit der Männer als minderwertig betrachtet und nur das Schaffen der Frauen als etwas Besonderes betrachtet wird.

    Hätten Feministinnen mit ihrer Arbeit aufgehört, als die Gleichberechtigung vor dem Gesetz erreicht war, dann würde es diesen Blog nicht geben.

    http://de.wikimannia.org/Trümmerfrauen

    Mythos Trümmerfrauen:
    Mehr Wunsch als Wirklichkeit
    http://www1.wdr.de/fernsehen/kultur/west-art-magazin/sendungen/leonietreber104.html oder http://www.youtube.com/watch?v=g9PLXtIHG0E

    Leonie Treber
    Mythos Trümmerfrauen
    Von der Trümmerbeseitigung in der Kriegs- und Nachkriegszeit und der Entstehung eines deutschen Erinnerungsortes
    lieferbar, erschienen am 14.07.2014
    484 Seiten, Abb., Broschur, 29,95 €
    ISBN: 978-3-8375-1178-9
    http://www.klartext-verlag.de/bookdetail.aspx?ISBN=978-3-8375-1178-9

  4. Ein etwas ausführlicherer Bericht zum Thema Trümmerfrau

    Mythen der Rechtspolitik
    Die Trümmerfrau war ein Mann
     
    Die Trümmerfrau (m/w) hat etwas vom „Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand“. Sie ist eine Forrest-Gump-Figur auch der juristischen Fachliteratur, die durch einige Jahrzehnte wild bewegter staats-, straf- und sozialrechtlicher Zeiten führen könnte, würde sie nicht langsam aus der Wahrnehmung verschwinden. Eine Fährtenlese von Martin Rath.[..]

    http://www.lto.de/recht/feuilleton/f/rechtsgeschichte-truemmerfrauen-nachkriegszeit-juristische-literatur/

    Reden wir mal über Trümmermänner …

    … also über jene deutschen Soldaten, die als Kriegsgefangene den Schutt beim Kriegsgegner wegräumen „durften“.

    Von den Russen, d.h. Stalin mit seinen Kriegsgefangenenlagern, will ich gar nicht erst reden; aber auch die Franzosen haben sich da nicht gerade mit Ruhm bekleckert und einen großen Haufen geschissen auf die Genfer Konvention, siehe zum Beispiel http://www.spiegel.de/einestages/zwangsarbeit-als-minenraeumer-a-949586.html

    Verglichen damit dürfte sogar das Leben der wenigen echten Trümmerfrauen einigermaßen kommod gewesen sein …

    Diesem Beitrag entnommen http://www.wgvdl.com/forum3/index.php?id=47846

  5. Dorothea Robert

    18. 12. Schade; daß die Nachgeborenen so eine einseitige Denkweise haben. Glauben Sie wirklich, daß nach schwerster Zerstörung jemand eine Kamera hatte, um die Trümmerräumaktionen zu fotografieren. Natürlich sind die „gestellten“ Fotos zum allergrössten Teil aus Nachkriegsfilmen oder aus Propagandafilmen der nazis in den Kriegszeiten. Es wird über geringe Entlohnung geschrieben. Mit Geld konnte zunächst niemand etwas kaufen. Tauschmittel waren überlebenswichtig, um Mehl,Kartoffeln und Brennholz oder Kohlen für die nächste Nacht zu beschaffen. Tiefflieger hatten die gesamte Industrie und auch Bagger und Kräne zerstört. Die jungen Männer, die nicht tot waren, waren zum grössten Teil in Gefangenschaft, aus Russland kamen sie in den Jahren zwischen 1952 bis 1955 zurück. Einige waren schwer verwundet und mussten von ihren Familien gepflegt werden, zusätzlich zu der Arbeit am eigenen Überleben und dem der Kinder und einem notdürftigen Dach über den Köpfen.

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