Jungen- und Mädchengenitalverstümmelungen vergleichbar

In beinahe jedem Artikel der Leitmedien zum Thema Beschneidung wird auf die angeblich wesentlich schlimmere Genitalverstümmelung der Mädchen auf­merksam gemacht. Wie man auf die Idee kommen kann, die Qualen und Schmerzen von männlichen Babys und auch die der größeren Jungen, derart zu bagatellisieren, ist schlicht unbegreiflich.

Ich wurde auf einen offenen Brief an die SPD Bundestagsabgeordnete Christine Lambrecht aufmerksam gemacht, in der die These der Vergleichbarkeit von Jungen- und Mädchengenitalverstümmelung untermauert wird. In diesem Brief wird gut und verständlich erklärt, dass sowohl die Vorhaut der Jungen als auch die klei­nen Schamlippen (Labien) der Mädchen eine vergleichbar hohe Dichte verschiedener Tast-Körperchen haben, die auch als spezialisierte Sinneszellen benannt werden. Es wird weiter beschrieben, dass das Gewebe bei beiden Geschlechtern gleich aufgebaut ist und nur die äußere Form, bedingt durch das Y-Chromosom, unterschiedlich ist.

Davon abgesehen – die Vorhaut der Jungen ist nach der Geburt mit der Eichel verwachsen, weshalb diese erst einmal gelöst werden muss. In manchen Berichten wird erwähnt, dass die Vorhaut regelrecht abgerissen wird, um sie danach beschneiden zu können. Das Ganze passiert in den meisten Fällen auch noch ohne Betäubung oder Narkose.

In der Übersetzung einer englischsprachigen Homepage las ich sogar, dass es bei Juden die Erlaubnis nach drei tödlichen Beschneidungen gibt, das vierte Kind nicht zu beschneiden. Anscheinend gibt es doch mehr Todesfälle, als man uns weisma­chen will. Aus diesem Grund werden mittlerweile Vermutungen angestellt, dass viele Todesfälle bei männlichen Babys anderen Ursachen zugeordnet werden. Könnte die Beschneidung sogar der Grund für die höhere Säuglingssterblichkeit bei Jungen sein?

Den Bericht einer Mutter, die die Qualen ihres neugeborenen Babys nach einer Ope­ration im Krankenhaus erlebt hat und kaum ertragen konnte, findet man hier. Trotz alledem soll die Beschneidung der Jungen nicht so gefährlich und nicht mit der von Mädchen vergleichbar sein?

Vergessen wird auch immer wieder, dass man Babys sehr schwer narkotisieren kann. Dafür bedarf es nicht nur spezieller Kinderanästhesisten, sondern solcher, die sich insbesondere in der Narkose von ein paar Tage alten Säuglingen auskennen. Auch in dem Brief wird darauf Bezug genommen und das es leider nur ein Handvoll derartiger Spezialisten in Deutschland gibt.

Nun steht die Sache aber noch schlimmer, denn 8 Tage alte Babys werden aus o.g. Gründen nun mal ohne Narkose beschnitten. Wer nun wissen möchte, wie diese Operation verläuft, sollte sich folgendes Video anschauen.

Get the Flash Player to see the wordTube Media Player.

Achtung: dieser Film ist nichts für schwache Nerven. Wer sich lieber die Langversion anschauen möchte oder aus technischen Gründen das eingestellte Video nicht se­hen kann, findet diese hier. Außerdem empfehle ich das Pflegewiki. Dort sind im Bei­tragKomplikationen der Beschneidungeinige Bilder eingestellt, die einige Fehlleis­tungen sehr gut dokumentieren.

Frauenorganisationen argumentieren immer wieder damit, dass beschnittene Frauen später große Schwierigkeiten beim Sexualverkehr und auch beim Wasser lassen ha­ben. Dieses trifft allerdings auch bei Männern zu, wie ich diversen Berichten entnom­men habe. An dieser Stelle möchte ich mich bei Raphaela bedanken, die zu diesem Thema einige bemerkenswerte Links gesammelt und als Kommentar in diesem Blog eingestellt hat.

Gegen Ende möchte ich insbesondere noch auf den Fall David Reimer aufmerksam machen, der als 6-monatiges Baby beschnitten wurde. Diese Operation ging derma­ßen schief, dass ihm letztendlich der komplette Penis abgeschnitten wurde. Zeit sei­nes Lebens kam er mit dieser Tatsache nicht zurecht, weshalb er sich mit 38 Jahren das Leben nahm. Diese grausame Verstümmelung hat nicht nur auf David Reimer Aus­wirkungen gehabt, sondern die ganze Familie belastet. Sein Zwillingsbruder hatte sich aus diesem Grunde schon zwei Jahre vorher das Leben genommen.

Weitere Informationen
Homepage: Beschneidung von Jungen
Homepage: Phimose-Info Deutschland
WebJungs: Suchbegriff Beschneidung
MANNdat: Suchbegriff Beschneidung
FemokratieBlog: BeschneidungGenitalverstümmelung
Homepage „Wieviel »Gleichberechtigung« verträgt das Land?“: Ein Akt der Vergewal­tigung mit etlichen Linkverweisen

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8 Kommentare.

  1. Cees van der Duin

    Liebe Christine,

    als Sozialarbeiter und Jungenarbeiter danke ich dir sehr für dein Interesse am Top-Tabuthema rituelle Jungenbeschneidung und deinen mutigen Einsatz für universelle Menschenrechte, Gleichheitsfeminismus und körperliche Unversehrtheit für Mädchen UND Jungen.

    Ein Grundlagentext:zur Jahrtausende alten Zirkumzision ist:

    Blutige Neugeburt im afropazifischen Jägerbund
    Von J. Auvergne (2007)

    http://eifelginster.wordpress.com/2007/11/13/010/

    Mit besten Grüßen
    Cees

  2. Der Fall David Reimer ist sogar noch heftiger! Die mißlungene Beschneidung führte zur Penisamputation, woraufhin der Psychologe und Sexologe John William Money – ein Vertreter der Theorie daß Geschlecht erlernt sei – empfahl aus Bruce Reimer Brenda Reimer zu machen und als Mädchen aufwachsen zu lassen. Bruce wurden die noch vorhandenen Hoden entfernt (Kastration) und rudimentäre Schamlippen geformt.
    Brenda fügte sich jedoch nie in die Mädchenrolle und als er/sie mit 14 von der Umwandlung erfuhr, ließ er/sie die Umwandlung rückgängig machen und nannte sich David!
    Money beschrieb ihn/sie als „normales, glückliches Mädchen“, Freunde und Familie sahen jedoch ein zutiefst unglückliches Kind mit großen sozialen Problemen!
    Alice Schwarzer feierte den Fall Reimer, trotz der offensichtlichen Probleme und den Belegen, daß Money es mit der Wahrheit nicht so genau nahm, als Beweis für das Erlernen des Geschlechts, die Gendertheorie!
    Alle Links die auch ich empfehlen würde hat Raphaela schon! 🙂

  3. da kommen Erinnerungen hoch:

    „… Davon abgesehen – die Vorhaut der Jungen ist nach der Geburt mit der Eichel verwachsen, weshalb diese erst einmal gelöst werden muss. …“

    In der irrigen Annahme, es handelt sich um eine Phimose, machten sich meine Eltern an der Vorhaut zu schaffen (ohne Beschneidungsintention). Es wurde so lange und sukzessive an der halb zurück gezogenen Vorhaut gezogen, bis dann endlich alles „frei“ lag.

    Die Schmerzen waren damals unerträglich und hallen heute noch nach! Mir kommen sie auch hoch, wenn ich dieses Bild männlichen Säugling sehe, das sich ausschließlich und nur durch Schreie artikulieren kann.

    Bei dieser ganzen bigotten Debatte um die weiblichen Labien, denn es geht ja garnicht, dass man den Fokus mal auf Männer/Jungs richtet, sollte man eines nicht vergessen:

    Viele Frauen gehen heute freiwillig zur OP und lassen sich den „Überhang“ wegschnippeln. Ich halte das für jederfraus eigene Sache, wie auch bei Männern, die, ebenfalls vollährig, meinen, sich die Eichel freilegen zu müssen. – Aber nur dann und nicht im Kindesalter!

    Mein Dank geh an den Femokratieblog, endlich diesen Unterschied zwischen beschnittenen Jungen und Mädchen relativiert zu haben. Beides ist ein Verbrechen an Kindern und beides muss angeprangert werden.

    Ob das Feministinnen, Genderideologen (m/w) bzw. GutmenschInnen nun passt oder nicht. Und übrigens: Lediglich 10 Prozent der Beschneidungen sind „pharaonisch“, also Wegschnippeln der Klitoris, diese 10 findet man auch wieder bei Jungen, denen man ob der naürlichen Verwachsung von Vorhaut und Eichel das letztere ebenfalls gleich mit abrasiert (Dutzende von Todesfällen / Jahr inbegriffen).

    Das ist aber kein Thema in unseren ‚Leidmädchen‘, pardon, Leitmedien …

    Körperliche Unversehrtheit für Jungen und Mädchen – besonders aber für Babies beiderlei Geschlechts!

  4. Die Feministin, Ex-Europapolitikerin und GRÜNEN-Mitgründerin Eva Quistorp will die Jungenbeschneidung legalisieren, solange das vorher heile und hinterher rituell versehrte Kind nur ausreichend medikamentös betäubt ist sprich unter Drogen steht; dafür bekommt die gewaltverharmlosende so genannte Pazifistin eine herzhaft gepfefferte Kritik:

    Wenig paradiesisch: Eva und die Vorhaut
    Von Jacques Auvergne am 08.08.2012

    http://eifelginster.wordpress.com/2012/08/08/298/

  5. Eva Quistorp (Theologin) hat auf Jacques Auvergne (Sozialarbeiter) geantwortet, heute nachmittag. Beschneiden will die Theologin das betäubte männliche Kind nach wie vor, hier zwei Zitate aus ihrer Begründung; alle Denk- und Rechtschreibfehler sind geistiges Eigentum der Pazifistin und Feministin. Auch ich habe mich eingemischt.

    Quistorp: „Wenn ich es als wohl schwer zu ändernden Fakt aus verschiedenen Grünen anerkenne, dass wohl bei der Lage der Debatte und der Aufregung des Zentralrates der Juden und der Muslime, die mit SChlagworten wie Vertreiben und Verbieten Panikmache gemacht haben,das KÖlner Urteil nicht zu bundesweitem Recht werden wird ,habe ich nur eine Realität beschrieben und mir das nicht gewünscht. … Ich glaube, das judentum hat in seiner prophetischen udn liberalen Tradition mehr zu bieten als die bisherige BEschneidungsdebatte und der ISlam mit IBn Rushd und ABu Zaid mehr als KOpftuch, Burka, Beschneidungszwänge und gar SCharia in Europa“

    http://schariagegner.wordpress.com/uber/#comment-1900

    ::

    Eva Quistorp (August 23, 2012 um 3:27 nachmittags, kommentiert auf dem Blog Schariagegner) windet sich wie ein Aal – und hat schon wieder nicht gesagt, dass sie die rituelle Vorhautamputation nicht will. Sie ist unsachlich genug, dem Sozialpädagogen Jacques Auvergne öffentlich zu unterstellen, ihren Beitrag falsch gelesen zu haben, entkräftet dessen prinzipiell beschneidungsgegnerische Argumente aber mit keiner Silbe.

    Theologin Quistorp verbreitet vielmehr einen amorphen Wortschwall aus irgendwelchem reformerischen Potential in den Hochreligionen verwirbelt mit irgendwie bedauernswerten bundesdeutschen Sachzwängen, implizit und wenig zufällig gipfelnd im sinngemäßen Fazit: „An einer Legalisierung der Jungenbeschneidung kommt die BRD nicht vorbei!“ Wie öffentlichg bekannt billigt Quistorp auch heute die nicht medizinisch indizierte Beschneidung. Und nichts anderes hat der pazifistische Sozialpädagoge und Beschneidungskritiker der pazifistischen Theologin und Beschneidungsfreundin vorgeworfen.

    Die beschneidungsbegünstigende Feministin könnte jetzt entweder so ehrlich sein, wiederholt sinngemäß: „Ja, ich will die MGM, aber nur mit Betäubung!“ zu sagen, das ist schließlich die nachweisbare Essenz ihres Essays Wider die postmoderne Religionspolitik, oder aber müsste endlich die Seite wechseln und öffentlich dafür eintreten, dass es in der kulturellen Moderne kein Elternrecht auf operative Mutilation des Kindergenitals gibt, aber eine Pflicht des Staates, dem Kind ein Selbstverständnis, Körperwahrnehmen und Sexualitätserfahren mit unversehrten eigenen Genitalien zu ermöglichen.

    Vielleicht um Halacha und Scharia zu entsprechen oder um Halacha und Scharia nicht zu widersprechen weicht Quistorp hingegen aus; wie eingangs gesagt: sie windet sich wie ein Aal. Das ist argumentativ unredlich und für mich als Naturschützer, Pazifist und Jungenarbeiter, der einmal geglaubt hat, sich in der Partei der GRÜNEN wieder zu finden, ziemlich enttäuschend.

    Immerhin ist klar, wer hier die Debatte zwischen dem Sozialpädagogen und der Theologin zum Thema Beschneidung gewonnen hat – argumentativ, ethisch und vielleicht schon bald ja auch juristisch.

    Cees van der Duin

    ::

  6. Beschneidung von Jungen soll erlaubt bleiben « FemokratieBlog - pingback on 18. November 2012 um 00:17

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